Mit Bildung und Gesundheit gegen den Arbeitskräftemangel der Zukunft

23.04.2021

WIFO-Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung

Durch den demographischen Wandel droht die Erwerbsbevölkerung in Deutschland bis zum Jahr 2050 um 5,1 Mio. zu schrumpfen. Investitionen in Bildung und eine bessere Integration von Menschen mit gesundheitlichen Beschwerden in den Arbeitsmarkt können aber die Beschäftigung erhöhen und den drohenden Arbeitskräftemangel teilweise kompensieren. Das ist das Ergebnis einer Studie des WIFO im Auftrag der Bertelsmann Stiftung.

Der Anteil der Erwerbspersonen an der Bevölkerung geht in den nächsten Jahrzehnten drastisch zurück. Das hat gravierende Folgen für Wirtschaft und materiellen Wohlstand in Deutschland. Doch Bildung und Gesundheit sind wirkungsvolle Hebel, diese Entwicklung abzumildern. Sie können deutlich mehr Menschen in Arbeit bringen – und das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen um bis zu 3.900 € steigern.

Setzt sich die bisherige, durch das Bildungsniveau der Eltern bestimmte, Bildungsexpansion fort, kann den Simulationsrechnungen zufolge im Jahr 2050 die Schrumpfung der Erwerbsbevölkerung um etwa 745.000 Arbeitskräfte, also etwa 15%, abgefedert werden. Gelänge durch weitere Investitionen noch eine breitere Bildungsexpansion, könnte das Deutschland 2050 zusätzlich 60.000 und in der Summe etwa 800.000 mehr Erwerbspersonen bringen. Voraussetzung für diese Bildungsexpansion ist, dass es zusätzlich jeweils 25% einer Bildungsstufe schaffen, in die nächsthöhere Stufe aufzusteigen.

Der nur geringe Zuwachs an Erwerbspersonen bis 2050 erklärt sich dadurch, dass bei einer Bildungsexpansion junge Menschen länger in Ausbildung sind und in dieser Zeit dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen. Erst wenn sich die heute Jungen der Rente nähern, entfaltet die Bildungsexpansion ihre volle Wirkung. Die demographisch bedingte Schrumpfung bis zum Jahr 2080 (5,9 Mio. gegenüber 5,1 Mio. in 2050) würde so in der Summe dann um etwa 1,3 Mio. geringer ausfallen.

"Der demographische Wandel erfordert mehr Investitionen in Bildung. Menschen mit einem höheren Bildungsniveau sind seltener arbeitslos. Sie haben bessere Chancen auf attraktive Beschäftigung, bekommen ein höheres Gehalt und arbeiten auch mehr Stunden. Bildungsinvestitionen lohnen sich auch ökonomisch", sagt Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung.

Die COVID-19-Krise könnte zum Störfaktor werden

Die COVID--Krise könnte allerdings zur Bedrohung für eine Bildungsexpansion und damit für den zukünftigen Wohlstand werden. Bleiben Kitas und Schulen länger geschlossen, wird eine Schüler- und Schülerinen-Generation abgehängt. Damit gerät der Bildungsaufstieg in Gefahr. Weil sie zumeist mit einer schlechteren technischen Ausstattung zurechtkommen müssen und im Home-Schooling weniger Unterstützung durch ihre Eltern bekommen, sind insbesondere Kinder der niedrigeren Bildungsschichten betroffen. "Wenn wir bildungsferneren Kindern den Bildungsaufstieg ermöglichen, hat das den größten positiven Effekt auf die Erwerbsbeteiligung", sagt Dräger.

Wenn in Zukunft zusätzlich zu einer breiten Bildungsexpansion auch Personen mit gesundheitlichen Beschwerden stärker am Arbeitsleben teilhaben könnten, ließen sich die negativen Effekte des demographischen Wandels weiter lindern. Gelänge uns das genauso gut wie dem Spitzenreiter Schweden, könnten im Jahr 2050 durch diese Kombination von Bildungsexpansion und Arbeitsmarktintegration in der Summe etwa 1,9 Mio. Menschen dem Arbeitsmarkt zusätzlich zur Verfügung stehen, im Jahr 2080 wären es etwa 2,3 Mio. Der Schrumpfungsprozess ließe sich so insgesamt zu mehr als einem Drittel kompensieren.

Bessere Bildung und Gesundheit erhöhen das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen

Eine breite Bildungsexpansion wirkt sich langfristig auch positiv auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) und das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen aus, da mehr Menschen zum materiellen Wohlstand beitragen. Das reale BIP pro Kopf könnte dadurch im Jahr 2050 um fast 300 € höher sein (zu Preisen von 2015) als wenn diese Bildungsexpansion ausbliebe. Im Jahr 2080 wäre das BIP pro Kopf 1.700 € höher als ohne Bildungsexpansion. Noch größer wäre der Effekt, wenn zusätzlich mehr Menschen trotz gesundheitlicher Probleme in den Arbeitsmarkt integriert würden. Das reale jährliche Pro-Kopf-Einkommen stiege dann bereits im Jahr 2050 um etwa 1.500 € und im Jahr 2080 sogar um fast 3.900 €.

Zusatzinformationen

Die Studie "The Impact of Education and Health on Labour Force Participation and the Macroeconomic Consequences of Ageing" ermittelt anhand von Mikrosimulationsrechnungen und mehreren Szenarien, wie ausgehend vom Basisjahr 2016 neben dem demographischen Wandel die Faktoren Bildung und Gesundheit sowie eine bessere Erwerbsintegration von Menschen mit gesundheitlichen Beschwerden auf die Entwicklung der Erwerbsbeteiligung (Anzahl der Erwerbspersonen und geleistete Arbeitsstunden) in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Österreich bis zum Jahr 2080 wirken. Die Effekte von Bildung und Gesundheit auf die Arbeitsproduktivität werden hierbei nicht berücksichtigt. Um zu berechnen, was aus den verschiedenen Szenarien für das reale BIP und BIP pro Kopf folgt, werden die Ergebnisse der Mikrosimulation in ein makroökonomisches Modell integriert.
  

Publikationen

In the coming years, demographic change will lead to an aging and subsequently shrinking workforce in most industrialized nations. As a result of the demographically induced shrinkage of the workforce, fewer and fewer people will contribute to generating a country's material prosperity. In 2019, the Austrian Institute of Economic Research (WIFO) was commissioned by the Bertelsmann Stiftung to analyse the impact that the expected demographic development in selected industries will have on overall economic development and key macroeconomic variables ("Macroeconomic Consequences of Ageing and Directed Technological Change"). Based on these findings, the effects of demographic change on the economy are now estimated in more detail, considering the influence of education and health as well as better labour force integration of people with health problems on the development of labour force participation.
Rückfragen an

Mag. Dr. Thomas Horvath

Forschungsbereiche: Arbeitsmarkt, Einkommen und soziale Sicherheit

Priv.-Doz. Mag. Dr. Serguei Kaniovski

Forschungsbereiche: Makroökonomie und europäische Wirtschaftspolitik

Dr. Martin Spielauer

Forschungsbereiche: Arbeitsmarkt, Einkommen und soziale Sicherheit

Dr. Thomas Url

Forschungsbereiche: Makroökonomie und europäische Wirtschaftspolitik