"Gute und schlechte Inflation"

03.11.2021

Nachfrage- und angebotsseitige Effekte bis August 2021

Der Preisdruck durch weltweite Liefer- und Produktionsprobleme hat im August 2021 im Euro-Raum und in Österreich zugenommen. In Österreich ist dieser Beitrag zur Inflation ("schlechte" Inflation) bereits größer als jener aus positiven Impulsen der Weltkonjunktur ("gute" Inflation).

Die Inflation im Euro-Raum und in Österreich ist aufgrund der COVID-19-Krise starken Schwankungen ausgesetzt, die wiederum auf globale Entwicklungen zurückzuführen sind. Zum besseren Verständnis dieser Schwankungen lohnt sich eine Zerlegung in nachfrageseitige und angebotsseitige Effekte. Ist der Preisauftrieb nachfragebestimmt, folgt er einem Konjunkturaufschwung ("gute" Inflation). Ist er angebotsbestimmt, können zum Beispiel Lieferschwierigkeiten die Ursache sein; also eine Belastung für die Konjunktur ("schlechte" Inflation).

Abbildung 1 zeigt, wie globale Nachfrage- und Angebotsschocks die Inflation in Österreich und im Euro-Raum in den vergangenen eineinhalb Jahren prägten. Vom Ausbruch der COVID-19-Krise im Jänner 2020 bis zu ihrem vorläufigen Höhepunkt im Mai 2020 verstärkten sich die negativen nachfrageseitigen Impulse kontinuierlich und dämpften die Inflation. Gleichzeitig gab es aber auch angebotsseitige Verwerfungen, die dieser Dämpfung entgegenwirkten, z. B. die Unterbrechung internationaler Lieferketten. Lediglich im März 2020 ließ dieser angebotsseitige Preisdruck kurzfristig nach, als die OPEC die Rohölförderung im Zuge eines Ölpreisstreits vorübergehend stark ausweitete.

Die einsetzende Konjunkturerholung wirkte bereits ab Mai 2020 (Euro-Raum) bzw. Juni 2020 (Österreich) preistreibend. Gleichzeitig herrschte im 2. Halbjahr 2020 eine günstige Angebotssituation, die die Inflation dämpfte. Erst seit 2021 wirken sowohl nachfrageseitige Impulse (die sich weiter verbessernde Weltkonjunktur) als auch angebotsseitige Schocks (Lieferengpässe) preistreibend.

In Österreich stagniert der nachfrageseitige Preisdruck seit Mai 2021 auf hohem Niveau, während er im Euro-Raum über den Sommer weiter zugenommen hat. Aber auch der angebotsseitige Preisdruck hat sich in den letzten Monaten verschärft; in Österreich hatte er im August 2021 bereits stärkere Effekte auf die Inflation als globale Nachfrageimpulse. Im September und Oktober dürfte der angebotsseitige Preisdruck aufgrund der Entwicklung der weltweiten Gaspreise wohl weiter hoch gewesen sein.

Zu den ökonometrischen Details siehe den Kasten "Effekte der Weltwirtschaft auf die Inflation in Österreich" in der WIFO-Konjunkturprognose vom Oktober 2021.
  

Publikationen

WIFO-Konjunkturprognosen, Oktober 2021, 38 Seiten
Studie von: Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung
Online seit: 08.10.2021 10:30
 
Die Wertschöpfung in Österreich wuchs im II. Quartal 2021 insbesondere in den krisengeschüttelten Branchen deutlich. Mit der Zunahme des Infektionsgeschehens ab August 2021 schwächte sich das Wachstum aber wieder ab. Die neuerliche COVID-19-Welle wird den Aufholprozess in bestimmten Dienstleistungsbranchen im IV. Quartal abermals dämpfen. Der Konjunkturaufschwung verläuft demnach sektoral heterogen, ist jedoch insgesamt äußerst kräftig. Auch der Arbeitsmarkt erholt sich zügig, wird durch die vierte COVID-19-Welle aber vorübergehend einen Rückschlag erleiden. Zugleich wird sich der Preisauftrieb weiter beschleunigen, während die Geldpolitik – der neuen Strategie der EZB entsprechend – expansiv bleibt.
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Dr. Stefan Schiman, MSc

Forschungsbereiche: Makroökonomie und europäische Wirtschaftspolitik
© Greyson Joralemon/Unsplash
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